Reisebericht
(ein persönlicher Reisebericht von Daniel Bär)
(15. - 29. Januar 2001)

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Kuredu (Malediven)
Unter Wasser oder
Kokosnüsse oder Kokospalmen auf den Malediven sind Staatseigentum. Da der Staat aber nicht für die Ernte der Kokosnüsse aller 1.200 Inseln Sorge tragen kann, verpachtet er diese an Unternehmen oder Privatpersonen. Es ist daher also ungebührlich, jedwede Kokosnuß, die vom Baum fällt als sein Eigen zu betrachten, auch wenn sie Euch direkt vor die Füße fällt. Natürlich wird auf der anderen Seite kein Malediver einem Inselbesucher den Wunsch abschlagen, so eine Kokosnuß selbst zu öffnen und zu verzehren. Es ist eben eine Frage des Anstandes - und letztlich auch eine Frage des "Know Hows". In unserem Falle liegt eben so eine Kokosnuß direkt vor unserer Hütte, und wir bergen diese und bringen sie auf unsere kleine Terrasse an ein schattiges Plätzchen. Unser Roomboy gibt sich am nächsten Morgen sehr hilfsbereit und fragt uns, ob er die Kokosnuß für uns öffnen soll. Wir stimmen gerne zu, und bereitwillig nimmt er die Frucht und verschwindet um die Bungalow-Ecke außer Sichtweite. Er kommt in weniger als zwei Minuten zurück, die braune Kokosnuß in seiner Hand und macht sich mit einer Koralle daran, die Kokosnuß aufzuklopfen. Kurz darauf platzt die Schale auf. Er füllt die Kokosmilch in einen Becher und reicht sie uns. Sie schmeckt fantastisch. Nie zuvor habe ich das Aroma einer Kokosnuß so intensiv erlebt wie zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort. Mit einem Schweizer Taschenmesser zerteilt der maledivische Nußknacker die Kopra und löst in kurzer Zeit geschickt das Fruchtfleisch von der Schale. Niemals zuvor habe ich den Geschmack einer Kokosnuß so intensiv empfunden wie jetzt, und die nahrhafte Frucht ist während unseres Aufenthalts immer wieder ein gern genommener Snack, der gut gekühlt in einem Becher Wasser in unserem Kühlschrank steht. Holger bemüht sich einige Tage später persönlich um das erfolgreiche Öffnen einer weiteren Kokosnuß und hat sichtlich Mühe, die braune Nuß aus der äußeren, faserigen Hülle zu bekommen. Was unser Roomboy in knapp zwei Minuten geschafft hat, kostet Holger fast eine halbe Stunde und ein Multifunktionswerkzeug sowie viel, viel Schweiß und mich viel, viel Nerven. Wir wollen heute eigentlich etwas früher zum Abendessen. Ich sage nur lapidar: "mach´s morgen", was Holger erst recht anspornt, hartnäckig weiter sein Ziel zu verfolgen. Ok. Die Sonne war schon fast untergegangen, als auch Holger die braune Frucht löst und langsam dem Ziel näherkommt. Es ist in der Tat eine Kunst, eine Kokosnuß so zu öffnen, ohne dabei körperliche Anstrengungen hinnehmen zu müssen und das Robinson-Gefühl mit einem Hauch wilder Romantik zu verlieren. Doch Holgers Versuche sind erfolgreich und ich glaube, den Ausdruck eines gewissen Stolzes in seinem Gesicht entdeckt zu haben, als schließlich die Kokosmilch durch die Schale rinnt. Seinen Stolz in Ehren, doch auf Nachfrage beim Roomboy, wie er denn die erste Kokosnuß geöffnet habe, zeigt er uns hinter unserem Bungalow ein paar Meter weiter im grünbewachsenen Dickicht einen angespitzten Baumstumpf, der ca. 80 Zentimeter aus der Erde ragt. An diesem löst er die Nuß aus der weichen, faserigen Hülle heraus. Der Anblick dieser manipulierten Nußknackerhilfe beruhigt uns wenigstens dahingehend, daß auch unser maledivischer Freund mit einem Multifunktionswerkzeug genauso aufgeschmissen gewesen wäre, wie Holger - der Rächer der Nußknacker. Im Übrigen sei an dieser Stelle angemerkt, daß gegen Ende unseres Aufenthaltes unsere "neuen" britischen Bungalow-Nachbarn ebenfalls dem Versuch einer eigenständigen Nußöffnung unter Verwendung einer haushaltsüblichen Nagelschere ziemlich hilflos gegenüber standen.
Das Außenriff oder Wir stehen am Ufer an der Nordseite der Insel, dem Außenriff. Dort grenzt das Atoll an den offenen Indischen Ozean und bricht an seinem Ende in die unendliche Tiefe des Meeres ab. Lutz sagt nach unseren zahlreichen Schnorchelausflügen im Coral Garden nur: "Ihr seid jetzt reif für´s Außenriff. Treffpunkt ist morgen, 12 Uhr 30, auf Höhe des Bungalows 476 bei den beiden Eisen-Pins." Diese stehen im Wasser und markieren den Einstieg ans Außenriff. Auf unsere Frage, was es denn dort anderes zu sehen gäbe als im "Coral Garden", antwortet Anne nur kühl: "Big Fish". Da stehen wir nun. Unser Equipment ist nun, wie wir, ebenfalls ausgereift. Zugegeben, wir sind etwas nervös und warten auf Anne und Lutz, sowie auf einige andere Schnorchler, die sich den beiden Hamburgern noch angeschlossen haben. Dann plötzlich sehen wir die Gruppe aus der Ferne auf uns zu kommen und werden noch etwas nervöser. Lutz und Christoph sind mit Filmkameras "bewaffnet", Anne begibt sich mit einem rosafarbenen Schnorchel ins Gefecht und desweiteren erwähnenswert sind der um die 50 Jahre wirkende "Grazer", dessen Namen an dieser Stelle aus Diskretionsgründen ungenannt bleiben wird. Das Meer ist heute ruhig, obgleich die hohe Brandung gewisse Einstiegsschwierigkeiten erahnen läßt. Vielleicht verweigert auch alleine aus diesem Grund eine Teilnehmerin schon im Vorwege den Einstieg in das aquaristische Abenteuer. Den Weg nach draußen müssen wir uns erschnorcheln. Das Wasser ist mit ca. 35 Zentimetern sehr flach und wir ziehen uns zum Teil mit den Händen am Boden Stück für Stück nach draußen. Nach 20 Metern erreicht uns die Brandung, die wir Welle auf Welle durchschwimmen. Das Wasser wird jetzt tiefer, und jeder Beinschlag bringt uns in tieferes Wasser und unserer Lust auf "Mehr" immer näher. Wer versucht, diesen Weg zu Fuß zurückzulegen, wird, trotz oder gerade wegen des niedrigen Wasserstandes, sein Ziel niemals erreichen, ohne sich nicht mindestens zehnmal auf den harten Korallen hingepackt zu haben oder wirklich schwer zu stürzen. Beim flachen Schnorcheln trägt man höchstens ein oder zwei kleine Schürfwunden davon, die aber beim Erreichen des tieferen Wassers im Nu vergessen sind. Wir sind draußen, und die Welt, die sich unter mir erschließt, öffnet und schärft alle meine Sinne für die kommenden Ereignisse unter Wasser. Staunend betrachte ich hunderte von bunten Korallenfischen, die unter mir schwimmen. Mit meinen Augen sauge ich alles auf, was sich bewegt und bemühe mich, den Blick nach und nach ruhiger durch das Wasser gleiten zu lassen, um auch die Dinge zu sehen, die sich nicht so schnell bewegen. So sehe ich Fische, die sich starr vor Angst unter einer Koralle verborgen haben und bewegungslos warten, bis wir vorüberziehen. In mir breitet sich plötzlich Ruhe aus. Meine Bewegungen werden sanfter. Ich lege meine Arme neben meinen Körper und bewege mich ganz langsam durchs Wasser. Smaragdgrün leuchtet das Wasser unter mir, blau leuchtende Papageienfische schwimmen vor mir vorüber, viele kleine, gelb-schwarz gestreifte Schnapper schweben vor dem Hintergrund tiefblauen Wassers vor mir, und ich höre nur das Geräusch eines scharrendes Fisches unter mir, der gerade versucht, unter einer Koralle grabend, nach Nahrung zu suchen. Aufgeschreckt durch hektische menschliche Bewegung und undefinierbaren Lauten in meiner unmittelbaren Umgebung werde ich auf eine Muräne hingewiesen, die sich elegant am Boden schlängelnd aus unserer Richtung entfernt. Die eigenartigen menschlichen Laute werden wir im Laufe der Zeit noch öfter vernehmen, denn mit dem Schnorchel im Mund und dem unbedingten Willen, gesichtete Fische auf gar keinen Fall aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig die anderen in der Nähe auf denselben aufmerksam zu machen, ergibt in etwa das Geräusch, einen Nahe am Ertrinken seienden Menschen zu hören, der in Panik zugleich mit Händen und Füßen im Wasser strampelt, dabei unkontrolliert "mmh", "mmh" schreit und solange keine Ruhe gibt, bis er entweder wirklich ertrunken ist oder von einem seiner Mitschwimmer gerettet wird. In Wirklichkeit sollen aber nur alle anderen seine Entdeckung teilen. Danach herrscht wieder himmlischer Friede im Wasser. Und es geht weiter. Wir bewegen uns genau am Außenriff in westliche Richtung. Es geht immer parallel zum Ufer. Rechts von uns liegt der tiefblaue Ozean, unter uns tauchen immer mehr und immer andersfarbige Fische auf, und links von uns erreichen die Korallen in Ufernähe schon fast wieder die Wasseroberfläche. Ein Ausstieg ist jetzt nicht mehr möglich. Und einen Ausstieg wollen wir auch gar nicht. Wir schweben förmlich durchs Wasser und ein paar Meter vor uns begleitet uns ein mächtiger Napoleonfisch, während ich in meinem rechten Augenwinkel seit geraumer Zeit einen grauen Schnapper beobachte, der mich persönlich zu begleiten scheint. Verringere ich meine Geschwindigkeit, wird auch er langsamer, beschleunige ich, wird auch er wieder schneller. Es ist einfach ein irres Gefühl. Da, etwa 3 Meter unterhalb der Riffkante kommt uns ein Schwarzspitzenriffhai entgegen und verschwindet ebenso elegant wieder im scheinbaren Nichts des Ozeans. Vor mir schwebt eine Schildkröte im Wasser, die gerade abtaucht, um in Bodennähe nach Nahrung zu suchen. Sie wühlt unter den Korallen und scheint auch wirklich etwas Schmackhaftes gefunden zu haben. Wir bewegen uns weiter als ich neben mir hektische Bewegungen wahrnehme. Ich nehme meinen Kopf aus dem Wasser und sehe den "Grazer" wassertretend, die Brille auf dem Kopf, den Schnorchel hängend in gewisse Panik verfallen. Lutz ist in der Nähe und versucht ihn zu beruhigen. Der Österreicher fragt, wann wir aussteigen. Lutz antwortet, daß es jetzt keine Möglichkeit gibt und wir im Übrigen noch ziemlich am Anfang unserer Tour stehen. Die Taucherbrille des Grazers als "Beschlagen" zu bezeichnen wäre lachhaft, vielmehr stehen dem schon die Wasserperlen in und auf seiner Brille und auch auf seiner Stirn, so daß der arme Alpenländer wohl oder übel da jetzt irgendwie durch muß. Lutz macht seine Aufgabe als "Buddy", als Retter, psychologisch und physiologisch betrachtet mehr als gut. Immer wieder versucht er zu beruhigen, nimmt den Grazer beim Schnorcheln sogar an die Hand, während Lutz in seiner anderen die Kamera führt. So geht es eben weiter, und auch ich tauche wieder ein in das schönste Aquarium der Welt. Vor uns taucht aus dem blauen Nichts plötzlich eine Gruppe von vier Adlerrochen auf, die über den Korallen schwebt. Wir paddeln gemütlich weiter, Meter um Meter am Außenriff entlang. Wir treffen auf hunderte von Fischen in Schulen, in lockeren Verbänden, zerstreut im Wasser, in den prächtigsten Farben und den verschiedensten Arten. Schnapper, Barsche, bunte Doktorfische, die schlanken Flötenfische, Drücker, Haie und Rochen leben hier in einem komplexen ökologischen System miteinander und voneinander. Nach eineinhalb Stunden sind wir am Ende unseres eindrucksvollen Schnorcheltrips und begeben uns auf Höhe der Bungalows 280 langsam wieder ans Ufer. Wer den Ausstieg verpaßt, droht mit der Strömung ins offene Meer hinauszutreiben, ohne Chance, wieder ans rettende Ufer zu kommen. Erschöpft, aber gutgelaunt und mit einer Fülle von Eindrücken entsteigen wir dem Meer und machen uns zu Fuß zurück zu unserem Bungalow. Auch unser österreichische Schnorchelgenosse ist - trotz zeitweiliger Schwierigkeiten - überwältigt von dem Schauspiel, daß sich hier auf Kuredu unter Wasser vollzieht.
Chris White oder Chris White ist unser neuer Mitesser am Tisch, der Vierte im Bunde, der unsere tägliche Tischrunde komplettiert. Er ist aus Santa Barbara gekommen, um in den Gewässern rund um Kuredu ein paar Tauchgänge zu machen. Er hat nicht viel Zeit mitgebracht, und plant nur einige Tage zu bleiben. Über den Komfort der Unterkunft spricht er nicht. O-Ton: "Man kann mir auch ein Zelt in den Sand stellen, Hauptsache, ich habe meine Taucherausrüstung dabei." Mit mehr scheint er auch nicht gekommen zu sein. Er hat fast jeden Abend die gleichen Klamotten an, tagsüber steckt er sowieso in seinem Taucheranzug. Chris ist Mitte vierzig und sein Deutsch ist fast perfekt. Er hat fast 15 Jahre seines Lebens ins München verbracht. Abgesehen davon, daß wir in der kurzen Zeit, die wir zusammen sind (nämlich fast nur zu den Abendmahlzeiten) uns ausgezeichnet unterhalten haben und sehr viel Spaß haben, ist Thema Nummer Eins natürlich der Austausch über die Erlebnisse unter Wasser. Während wir fast täglich von Begegnungen mit Schildkröten, Rochen und Haien berichten, erzählt er uns von Tauchausflügen bei schlechter Sicht, wenigen bis gar keinen Fischen, und seine Stimmung ist nicht besonders gut. Er ist knapp 26 Stunden mit dem Flugzeug unterwegs gewesen, nur um hier ein paar gewöhnliche Fische anzugucken. Selbst der "early morning dive", ein Tauchgang, der um die Zeit des Sonnenaufgangs durchgeführt wird, war weniger spannend als erhofft. Er möchte seine Tauchausrüstung wegwerfen und es am nächsten Tag mit uns Profi-Schnorchlern am Außenriff versuchen. Leider spielt das Wetter nicht mit, denn draußen ist das Wasser nicht glatt genug und es beginnt an diesem Tag heftig zu regnen. Also hofft er weiter. Jeden morgen achten wir mittlerweile auf dem Weg zum Frühstück auf den Sandboden, denn daran können wir erkennen, ob Chris schon wieder mit dem Boot unterwegs ist und wir alleine frühstücken müssen. Er erzählte uns nämlich einige Abende zuvor, daß er als "business analyst" bei einer Internetfirma arbeitet, deren Dienstleistung auch für uns selbst interessant zu sein scheint. Als er seine Visitenkarte nicht finden kann, zieht er plötzlich seine Plastik-Badelatschen aus und zeigt uns die Sohle. Auf beiden Schuhen ist (natürlich spiegelverkehrt) der name "commission junction" eingestanzt. "War mal ein Werbegag", sagt er. Er selbst hat erst gestern anhand der Spuren im Sand festgestellt, daß er diese Schuhe überhaupt noch besitzt, geschweige denn dabei hat. Wir biegen uns alle vor Lachen angesichts dieser Story. Da Chris´ Bungalow nur ein paar Nummern neben unseren steht, können wir jetzt jeden Morgen sehen, ob er schon zum Frühstück ist oder nicht. Da die ordentlichen Malediver praktisch jeden Morgen die Sandwege harken, fällt es uns besonders leicht, "CJ" zu erkennen. Ein Höhepunkt, von dem wir Chris aber erst nach unserer Rückkehr erzählen konnten ist unser Bericht von unserem "Schnorchelbootausflug". Bis heute und vermutlich bis in alle Zeiten wird Chris White, der passionierte Taucher, auf uns neidvoll herabblicken, denn einem "Manni" begegnet zu sein ist das Größte...
Mantas oder Das Frühaufstehen hat sich heute nicht gelohnt. Das Boot, für das wir eigentlich angemeldet sind, ist schon voll. Da wir uns auf der (bereits vollen) Liste noch unten hin gemogelt haben, dürfen wir nicht mitfahren, obwohl man uns tags zuvor sagte, das sei "kein Problem"; ist es jetzt aber doch. "Kein Problem" denken wir, das Wetter ist heute ohnehin beschissen. Es ist sehr bedeckt und sieht nach Regen aus. Wir tragen uns für den nächsten Tag ein und trollen uns mitsamt unserem Equipment wieder Richtung Bungalow. Das Boot fährt schließlich ohne uns direkt in den aufkommenden Regen und wir sind so traurig nicht, daß es heute nicht geklappt hat. Am nächsten Morgen ist das Wetter besser und wir können endlich los. Wir sind eine Gruppe von acht Leuten. Laut Bedingungen für diesen Ausflug sollte man mindestens einmal vorher auf einem Schnorchelboot gewesen sein, da die Tour als "advanced snorkeling" ausgewiesen ist. Als ich mir so die anderen in der Gruppe und deren Equipment ansehe, denke ich schon, daß wir drei uns durchaus als "fortgeschrittene Schnorchler" betrachten dürfen, was sich im Laufe der Tour auch bestätigen wird. Ein paar müssen sich Brille, Schnorchel und Flossen ausleihen, um überhaupt dabei sein zu können. Fragt sich nur, welcher Schnorchelerfahrungen hier bereits zugrunde liegen. Dann steigen wir ins Boot. Die Crew besteht aus drei Maledivern, die zwischen 40 und 70 Jahre sind, wobei der "Jüngste" der Kapitän des Bootes ist und die "Älteren" sich um alle anderen Dinge kümmert. Dazu gehört die Versorgung mit Kokosnuß, Hilfe beim Ein- und Aussteigen und Los- und Festmachen des Bootes. Phil ist unser Guide, ein junger Kerl aus London, der gerade mal drei Monate auf Kuredu arbeitet. Ebenfalls aus London sind zwei beleibte Damen, die speziell der maledivischen Crew noch viel Vergnügen bereiten werden. Bevor es endgültig losgeht, muß die Bordbatterie noch ausgetauscht werden, denn der Motor springt nicht an. Dann knattern wir los, vorbei an einer unbewohnten Insel, auf der nur Kokosnüsse geerntet werden, vorbei an der Einheimischen-Insel "Felivaru", die 5.000 Menschen beherbergt und vorbei an weiteren Trauminseln des Atolls. Das eintönige Knattern des Diesels läßt plötzlich nach. Der "Ältere" aus der Crew steht am Bug und zeigt auf´s Wasser. Mantas. Die mächtigen Schwingen der auch "Teufelsrochen" genannten Tiere durchbrechen die Wasseroberfläche . Phil läßt eilig das Boot stoppen und wir beeilen uns, ins Wasser zu kommen. Der Einstieg gestaltet sich einfacher als ich dachte und im Wasser angekommen, stecke ich sofort den Kopf ins Meer. Wir befinden uns mitten unter einer Gruppe von Mantarochen, die bis zu einer Größe von sieben Meter Spannweite heranwachsen können. Diese hier sind zwar "nur" zweieinhalb bis drei Meter groß, doch ihr Anblick ist nicht weniger imposant. Sie schweben durch das planktonreiche Wasser, nehmen mit ihrem Maul, das von vorne betrachtet aussieht wie ein riesiger Kühlergrill, Unmengen von Wasser auf und filtern daraus die Kleinstlebewesen wie Krill und kleine Krebse heraus. Um die sechs, sieben dieser gewaltigen Tiere schwimmen mit uns hier herum, ohne von uns in irgendeiner Form Notiz zu nehmen. Sie kommen direkt auf uns zu, tauchen ab und schwimmen unter uns durch. Es ist ein irres Gefühl und Kerstin sucht Holgers Nähe, da ihr diese Szenerie nun doch etwas unheimlich vorkommt. Er nimmt sie an die Hand, was ihr daraufhin die größte Aufregung nimmt. Ich selbst blicke gerade ins blaue Nichts als Kerstin mir signalisiert, ich solle mich doch einmal umsehen. Genau hinter mir schwimmt ein Riesenexemplar ganz dicht vorbei, und ich schaffe es nach dem ersten Schreck gerade noch, mit meiner Unterwasserkamera abzudrücken. Es ist einfach gigantisch, diesen Tieren so nahe zu sein und sie beobachten zu können. Wir sind versöhnt mit der Welt, denn mit "Mannis" haben wir wirklich nicht gerechnet. Wir sind wieder im Boot und machen uns auf den Weg zum Schiffswrack. Wir stehen noch unter dem gewaltigen Einfluß des eben Erlebten als wir das Wrack in der Ferne schon sehen. 15 Kilometer im Südwesten von Kuredu liegen zwei alte Wracks nur 50 Meter voneinander entfernt in 30 Meter Tiefe auf weißem Sand. Das eine liegt flach auf der Seite, das andere steht mit dem Heck in 30 Meter Tiefe auf, lehnt an einer Korallenwand und ragt mit dem Bug 5 Meter aus dem Wasser heraus. Warum die beiden japanischen Kühlschiffe 1980, mitsamt ihrer Ladung, hier versenkt wurden, ist unbekannt. Die Wracks sind über und über mit Korallen besiedelt und ein Schnorchelgang hier ist eine aufregende Sache, außer man ist 15 Minuten vorher einer Gruppe Mantas begegnet. Von der Schnorchelgruppe, mit der wir gemeinsam im Wasser sind, entfernen wir uns immer mehr, da wir schon zu oft von Flossenschlägen getroffen worden sind und Kollisionen scheinbar unvermeidbar sind. Die Strömung am Schiffswrack ist heute nicht so stark wie sonst, und wir können problemlos um das Schiff herumschwimmen. An anderen Tagen ist dies nicht möglich, da die Strömung an der Rückseite des Wracks so stark ist, daß sie einen Schnorchler sofort ins offene Meer zieht. Eine Rückkehr ist dann nicht mehr möglich, es sei denn, man ist mit einem Boot unterwegs, das einen wieder aufnehmen kann. Unser letzter Schnorchelgang führt uns an "The Wall", ein Riff an einer im Südwesten vorgelagerten Insel, das wirklich wunderschön ist und an dem man stundenlang schnorcheln kann, denn es tauchen immer wieder neue Fische und die verschiedensten Rochen auf, die zu beobachten kaum langweilig wird. Der Ausstieg aus dem Boot ins Wasser gestaltet sich für eine der beiden beleibten Damen aus London etwas komplizierter, da es nun von der anderen Seite des Bootes ins Wasser geht, an der sich keine Leiter gibt. Zwischen Reling und Sitzbank klemmt sie nun, und es gibt weder ein Vor noch Zurück. Die sonst so zurückhaltende maledivische Crew kann sich ein Lachen nicht mehr verkneifen, und die Engländerin versucht, sich mit Dreh- und Schlängelbewegungen aus ihrer Zwangslage selbst zu befreien. Erst mit Mühe gelingt es ihr, frei zu kommen und so plopt sie wie ein Sektkorken aus der Flasche ins Wasser. Die Freude der Crew (die haben sich weggeworfen) war so groß, daß sie auch der Wiedereinstieg der Dame ins Boot erneut erheitert hat. Gegen 12 Uhr 30 sind wir wieder zurück am Steg und verleben des Rest des Tages und des Abends in einem trance-ählichen Zustand angesichts der Mantas, denen wir begegnet sind.
Fussball oder Die Lieblingssportart der Malediven ist nicht Tauchen oder Schnorcheln, sondern Fußball, Fußball, Fußball. So findet jeden Samstag auf dem inseleigenen Bolzplatz (anders läßt sich der Acker nicht umschreiben) ein Fußballspiel zwischen den maledivischen Ressort-Angestellten und einer Touristenauswahl statt. In dieser Woche sind die Engländer sehr stark vertreten und nach sage und schreibe acht Monaten gelingt einer Touristenmannschaft wieder einmal ein Sieg über die maledivische Heimmannschaft. Mit 4 : 1 fegen wir die Malediver vom Platz, woraufhin das Spiel am darauffolgenden Samstag ein "mixed up" aus Touristen und Malediver ist. Angeblich sind zu wenig Malediver da, um eine eigenständige Mannschaft zu bilden. So, so. Nach dem Spiel geht es an die Akiri-Bar, wo alle Beteiligten sich bei ein oder zwei (Frei-)Bier noch ein bißchen unterhalten können. Das wöchentliche Fußballspiel ist eine ganz witzige Sache und schafft zwischen Angestellten und Touristen einen persönlichere Atmosphäre.
Beachparty oder Es ist Samstagabend, und unser Aufenthalt wird am kommenden Montag zu Ende gehen. Das schwedische Management veranstaltet alle 14 Tage eine Beachparty an der Ostspitze der Insel mit Lagerfeuer, Animation, gegrilltem Fisch und zwei Cocktails á la Kuredu-Bar-Mixer. Es ist schon dunkel als das Lagerfeuer direkt am Strand lodert. Die Animation beschränkt sich leider auf einige "Sauf-Spiele", die vor allem bei den englischen Gästen gut ankommen, und auf die ich nicht näher eingehen möchte. Einer der schwedischen Animateure sagt uns hinsichtlich der Animation: " Die Engländer sind gut und einfach zu unterhalten. Gib ihnen ein paar Bier, und du kannst mit denen machen, was du willst!" Bei den deutschen Gästen gestaltet sich die Animation schwieriger und das Team auf Kuredu sucht immer noch ein paar gute Ideen. Da wir bei unserem Aufenthalt auf Animation weitestgehend verzichtet haben, genießen wir an diesem Abend einfach nur die Atmosphäre am Strand, plaudern ein bißchen mit den Bekanntschaften, die wir auf der Insel in der Zwischenzeit gemacht haben und lassen unseren Urlaub schon ein wenig revue passieren. So wird es bei dieser Party auch nicht besonders spät und wir sitzen lieber noch ein bißchen, wie an fast jedem Abend zu vorangeschrittener Stunde, vor unserem Bungalow und klönen, bevor wir uns nach einem weiteren Dosenbier zur Ruhe begeben. Abreise oder Zum Thema Urlaub auf Kuredu gibt es vielleicht noch eine Sache, die ich hier nicht erwähnt habe. "Der Swimming-Pool". So ein Pool ist ja eine feine Sache, wenn man kein Fan von Salzwasser ist. Ich selbst habe am letzten Tag vor unserer Abreise ca. fünf Minuten im Pool verbracht. Ich bin auch nur deshalb in den Pool gestiegen, um jetzt und hier auch davon berichten zu können. Das Schwimmen im Pool ist vergleichsweise anstrengend, da der Salzgehalt im Meerwasser einen bessern Auftrieb bietet und das Schwimmen viel angenehmer macht. Das Süßwasser zieht einen förmlich nach unten. Abgesehen davon: wer Poolurlaub machen möchte, kann auch ans Mittelmeer fahren. Wer sich als All-Inclusive-Gast dabei noch die Birne zudröhnen möchte, kann auch ans Mittelmeer fahren. Und Menschen, die vierzehn Tage mit Bier und Walkman am Pool sitzen, "damit sie das Meeresrauschen nicht hören müssen" (O-Ton: Anne) bleiben am Besten ganz zu Hause auf dem Sofa. Ansonsten, wer´s mag - ok! Wer aber nicht mindestens einmal seinen Kopf unter Wasser gesteckt hat, nur um mal zu sehen, was dort unten los ist, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Man kann ohne Übetreibung sagen, daß das Geld für eine solche Reise ohne jegliche Unterwassererfahrung zum Fenster hinausgeworfen ist. Menschen mit Phobien, wie Klaustrophoben, Arachnophoben und sonstige Angst-Kranken, die aus irgendwelchen Gründen den Schritt ins Wasser nicht wagen, sei an dieser Stelle gesagt, daß das größte Risiko auf den Malediven darin besteht, von einer herabfallenden Kokosnuß am Kopf getroffen zu werden. Welche Kosequenz aus dieser Tatsache jeder Einzelne daraus zieht , bleibt jedem selbst überlassen.... Zugegeben, es ist unser erster Maledivenurlaub und andere Urlauber setzen andere Prioriäten , aber für uns ist es bestimmt nicht der letzte Urlaub auf Kuredu gewesen und wir haben Lust auf "Meer". Wir können diese Insel unbedingt weiter empfehlen und haben keinen Grund, über irgend etwas während unseres Aufenthalts zu klagen. Es ist Montag, der 29. Januar 2001, 16. 15 Ortszeit, als die Boeing 767-300 nach knapp neun Stunden Flugzeit in Hamburg aufsetzt. Die Maschine - Flug LT 745 - ist sicher gelandet. Februar 2001
Daniel Bär |